Hinter den Kulissen

Offiziell gibt es sie nicht. Deshalb tun sie alles dafür, nicht aufzufallen. Menschen ohne Papiere dürfen nicht auffliegen und müssen sich schützen. Das macht es für uns Journalisten sehr schwer, sie zu treffen. Unsere Gesprächspartner sind darauf angewiesen, dass sie uns vertrauen können. Innerhalb der drei Wochen dieses Projekts mussten wir sehr viele Recherchen ergebnislos abbrechen. Meist, weil unsere Gesprächspartner nicht wollten, dass ihre Geschichten veröffentlicht werden. Viele hatten verständlicherweise Angst vor eventuellen Folgen.

Medo Ture, Insasse der Abschiebegewahrsam Berlin-Köpenick

Medo Ture, Insasse der Abschiebegewahrsam Berlin-Köpenick

Andere waren erst mit einem Interview einverstanden und machten dann kurzfristig doch noch einen Rückzieher. Weil die Angst zu groß war. Viel erhofft haben wir uns beispielsweise von einer Geschichte über einen Algerier, nennen wir ihn hier Farid, der jahrelang illegal in Berlin lebte und bereit war, uns seine Geschichte zu erzählen. Nach einem stundenlangen persönlichen Gespräch und vielen Telefonaten sagte uns Farid eine halbe Stunde vor dem geplanten Drehtermin ab. Die Zweifel überwogen für ihn am Ende doch.

Christof Thorn bei einem Interview-Termin

Christof Thorn bei einem Interview-Termin

Auf der anderen Seite bestärkten uns Erfolgserlebnisse immer wieder darin, unser Projekt weiterhin mit viel Ehrgeiz und Engagement voranzutreiben. Die persönlichen Gespräche mit papierlosen Menschen haben uns zum Teil sehr berührt, aufgewühlt, betroffen gemacht und manchmal auch ratlos zurück gelassen.

Besonders in Erinnerung bleibt zum Beispiel Ben, ein 26-jähriger Kenianer, den wir im Abschiebegewahrsam in Berlin-Köpenick getroffen haben. Ben kam nach Berlin um Informatik zu studieren, bekam aber kein Visum und lebte dann zwei Jahre illegal in der Stadt. Im Besucherraum des Abschiebegewahrsams erzählte uns Ben von diesem „Life on the Run“, der ständigen Angst erwischt zu werden und der unglaublichen Verzweiflung darüber, am Ende doch abgeschoben zu werden. Als wir nach dem Interview die Haftanstalt verließen, war es schwer zu begreifen, dass Ben, ein junger Mann in unserem Alter, die Nacht in einer Gefängniszelle verbringen würde, während wir mit der Straßenbahn nach Hause fuhren. Drei Tage nach unserem Interview wurde Ben nach Kenia abgeschoben. Eine Perspektive hat er dort nicht.

Die Mauer des Abschiebegewahrsams Berlin-Köpenick

Die Mauer des Abschiebegewahrsams Berlin-Köpenick

Beeindruckt hat uns auch die Geschichte von Christian Herwartz. Der Jesuitenpater hat in Kreuzberg eine Wohngemeinschaft aufgebaut. Hier nimmt er jeden auf, der Hilfe braucht. Er fragt nicht nach Papieren, nach Geschichten, manchmal nicht einmal nach dem Namen. Wer nicht weiß wohin, darf bei ihm übernachten. Viele Nachmittage haben zwei unserer Volontäre in der Herwartz-WG verbracht. Haben mit dem Pater und seinen Mitbewohnern gefrühstückt und nach vielen Gesprächen schließlich einen Bericht über diese außergewöhnliche WG machen dürfen.

Viele Gesprächspartner wollen unsichtbar bleiben, wie hier bei Sonja Lüning.

Viele Gesprächspartner wollen unsichtbar bleiben, wie hier bei Sonja Lüning.

Wie wichtig persönliches Vertrauen bei einem so sensiblen Thema ist, das ist wohl eine der wertvollsten Erfahrungen, die wir im Laufe des Projekts gemacht haben. In vielen Situationen war nicht nur journalistisches Gespür, sondern vor allem menschliches Einfühlungsvermögen gefragt. Ein Pfarrer, mit dem wir während unserer Recherchen sprachen, brachte es auf den Punkt: „Werden Sie nicht nur gute Journalisten. Werden Sie gute Journalisten.“